Bäume auf Münzstapeln

Ist Nachhaltigkeit Luxus?

Wir leben in einer komplexen Welt und jeder von uns sieht sich unterschiedlichen Herausforderungen ausgesetzt. Das gilt für jeden Bewohner unseres Planeten. Gleichzeitig gibt es eklatante Unterschiede bei der Art von Problemen, denen sie gegenüberstehen. Während viele Menschen ums nackte Überleben kämpfen, befinden sich viele andere in einer vergleichsweise bequemen Situation und haben die Gelegenheit, sich um globalere Zusammenhänge Sorgen zu machen. Ist das eine Art Luxus?

Nachhaltigkeit und Whataboutism

Ja, es stimmt. Es gibt furchtbar viele Menschen auf diesem Planeten, die ein menschenunwürdiges Leben führen. Das ist ein Problem, das von uns allen, gerade von denen, die es besser haben, gelöst werden muss. Leider ist das nicht die einzige Katastrophe, in der wir leben. Neben Krieg und wirtschaftlicher Unsicherheit schreitet die Klimakrise unerbittlich voran. Mutter Natur nimmt keine Rücksicht auf menschengemachte Probleme, sie hat größere Fragestellungen zu lösen und reagiert konsequent auf unseren Lebensstil auf ihre Weise. Obwohl die Faktenlage schlicht erdrückend ist, gibt es nach wie vor so einige unter uns, die das nicht sehen wollen. Und so fällt oftmals das vermeintliche Gegenargument der humanitären Katastrophen in Afrika, um sich nicht mit dem Klima beschäftigen zu müssen: "Na und? In Afrika sterben täglich Kinder."

Diese Strategie der Problemherabstufung kennen wir auch aus vielen anderen Zusammenhängen. Menschen, die sich mit Problem X nicht befassen möchten, führen Problem Y als Gegenspieler an und versuchen somit, X zu relativieren, nach dem Motto: "Es gibt Wichtigeres." Und da Y wichtiger ist und so weit weg, das man da nichts zu beitragen kann, muss man sich auch nicht mit X beschäftigen. Als wäre es verwerflich an einem Zusammenhang zu arbeiten, nur weil es durchaus auch andere Themen gibt. Dieses Vorgehen wird Whataboutism genannt. Man kontert eine kritische Frage, ein Argument oder eine These mit einer Gegenfrage und/oder einem Themenwechsel. Eine Art Vermeidungsstrategie. Und gerade in Bezug auf Nachhaltigkeitsthemen passiert das oft mit der Implikation, das wären alles Erste-Welt-Probleme, quasi Luxus, unnötiger Firlefanz.

Nachhaltigkeit und Moral

Eigentlich sollte das für alle Themen gelten: in einem Diskurs sollte es sachlich und konstruktiv zugehen. Das Moralisieren eines Sachverhalts im Vergleich zu einem anderen, zum Beispiel durch Whataboutism ist dagegen nicht sachlich, weil es nichts zur Lösung der eigentlich Frage beiträgt, sondern ablenken will. Grundsätzlich hat Moral ziemlich wenig in der Klimadebatte verloren. Wem soll es helfen, wenn man die Millionen Schwierigkeiten, die wir da haben und die schon kompliziert genug sind, auch noch emotionalisiert?

Ethik dagegen hat durchaus eine sehr starke Berechtigung für einen Platz in der Diskussion, denn im Gegensatz zur reinen Moral bewegt sie sich auf der Sachebene. Oder anders: Ethik ist die Wissenschaft der Moral, während Moral die praktische Anwendung der Ethik ist. Aus ethischer Sicht gibt es viel bei der Klima- und allen anderen Nachhaltigkeitsfragen zu berücksichtigen, etwa soziale und sozialwirtschaftliche Faktoren. Denn kein Problem dieser Welt kann gelöst werden, wenn man uns Menschen außer Acht lässt. Trotzdem muss der Diskurs auf sachlichem Fundament stattfinden, denn viele moralische Überzeugungen gehören ggf. überdacht und das geht nur mit Hilfe der Ethik.

Was also tun?

Ist es wirklich Luxus, wenn man sich ernsthaft mit Nachhaltigkeit beschäftigt? Vielleicht kommt das vielen Menschen so vor, weil sie nicht den Eindruck haben, dass sie das Klimathema betrifft und nach wie vor gibt es so einige, die nicht mal glauben, dass es ein Problem gibt. Tja, wir können nicht darauf warten, dass sie ihre Meinung ändern, denn das werden sie nur tun, wenn sie unmittelbar vom Problem getroffen werden und dann wird es zu spät sein, für uns alle. Daher müssen wir uns als Gesellschaft die Beschäftigung mit den Auswirkungen der Klimakrise leisten. Im eigenen Sinne und im Sinne derer, die es gerade nicht besser wissen und vor allen Dingen im Sinne derer, die sich diesem Themenkomplex nicht widmen können. Und das ist kein Luxus, weil es nicht unserem Vergnügen dient. Sehr wohl ist es aber ein Privileg. Ein Privileg, das wir für all jene wahrnehmen müssen, die es nicht haben.